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Über uns das All - Interviews

Interviews

INTERVIEW mit Sandra Hüller

Sie haben mit erfahrenen Filmregisseuren wie Hans-Christian Schmid, Max Färberböck und Jo Baier gedreht. Wie war die Arbeit an ÜBER UNS DAS ALL mit dem Langfilmdebütanten Jan Schomburg?

Sandra Hüller: Die Arbeit mit Jan Schomburg war ein großes Vergnügen, weil er sehr gut vorbereitet ist, Humor hat und seinen Schauspielern vertraut. Außerdem ist er menschenklug und schafft eine konzentrierte aber offene Atmosphäre. Ich kann eine Arbeit mit ihm jedem empfehlen.

Die Geschichte von ÜBER UNS DAS ALL entlarvt ein Doppelleben. Wirkt die Verunsicherung einer solchen fiktiven Situation sich auch auf die eigene Wahrnehmung des Lebens und der individuellen Realität aus?

Ich gehe schon länger davon aus, dass ich wenig von meinen engsten Menschen weiß und kann mir alle möglichen Szenarien, in denen irgendwelche Doppelleben auffliegen, vorstellen. Deshalb fand ich das Buch ja so interessant. Nichts ist sicher.

Wer ist diese Martha, die Sie in ÜBER UNS DAS ALL spielen, und was ist sie für ein Charakter? Erkennen Sie sich in Charakterzügen und Handlungen Marthas selbst wieder?

Martha ist eine ungewöhnliche Frau, die sich nimmt, was sie will. Sei es aus Trotz oder echter Freiheit – das kann jeder sehen, wie er mag. Ich bewundere sie, weil sie nie aufgibt und ihren Humor behält und ihre Offenheit, selbst, wenn alles um sie zusammenbricht.

Wie geht Ihre Interpretation der Figur Martha mit Verlust um? Welchen Einfluss hat die Erarbeitung der Rolle auf ihre ganz eigene Art, mit Tod und Trauer umzugehen, gehabt?

Martha weigert sich ganz einfach zu trauern. Sie will ihr Leben zurück, das sie mochte, das ihr verstorbener Mann einfach mitgenommen hat, der, wie sich herausstellt, gar nicht  der Mann war, der er zu sein schien. Sie verweigert sich jeder eventuellen Larmoyanz, sie benutzt ihre Trauer nicht. Martha blickt nach vorn.

Ich persönlich habe noch keinerlei Erfahrung mit Trauer gemacht und habe deshalb viele Freunde gefragt und habe dabei gemerkt, dass jeder Mensch auf seine eigene Art trauert, dass es dafür keine Regeln gibt und auch keinen Rat. Das machte mich sehr frei für Marthas Weg.

Wie war die Zusammenarbeit mit Felix Knopp und Georg Friedrich? In einem Interview auf der Berlinale haben Sie gesagt, dass die beiden sich am Set nur einen Tag überschnitten haben. Wie haben Sie sich beiden Protagonisten, bzw. ihren Rollen im Film genähert?

Es gab im Vorfeld intensive Proben, in denen wir uns aufeinander einstellen konnten. Beide Kollegen sind sehr unterschiedlich und ich habe die Arbeit mit ihnen sehr genossen. Die Szenen mit Georg Friedrich, also dem 'zweiten Mann' wurden vor denen mit dem 'Original' Felix Knopp gedreht, was dazu führte, dass die Vorgänge, die ja mit Georg in der Geschichte wiederholt werden, sich mit Felix tatsächlich vertrauter anfühlten. Ich weiß nicht, ob das ein Trick von Jan war oder Zufall…

ÜBER UNS DAS ALL stellt die Frage nach der Möglichkeit eines kompletten Neuanfangs. Glauben Sie, dass das möglich ist, dass Menschen ganz neu wieder anfangen können? Inwieweit entwirft der Film eine andere – vielleicht hoffnungsvollere - Perspektive auf den Tod als Neubeginn? 

Ich glaube das auf jeden Fall, aber ich denke, man kann das nicht herbeiführen, es passiert einem oder nicht. Das muss nichts mit dem Tod zu tun haben. Der Tod jedoch ist immer ein Neuanfang.

INTERVIEW mit Jan Schomburg

Wie kamen Sie auf diese Geschichte, hat Sie eine wahre Begebenheit inspiriert?

Jan Schomburg: In meinem näheren Bekanntenkreis gab es tatsächlich einen Fall, in dem eine Frau, die bereits mehrere Jahre mit ihrem Mann verheiratet war, plötzlich feststellte, dass sein toller Job bei einer Bank überhaupt nicht existierte, dass sie absolut pleite waren und ohne jedwede Versicherung. Es gibt Menschen, die in extremem Maße ein Doppelleben führen, das so weit geht, dass man es selbst noch im privatesten, intimsten Kontext aufrechterhält. Als die Frau zum Finanzamt ging, um Klarheit über ihre finanzielle Situation zu erlangen, sagten ihr die Sachbearbeiter, dass sie darüber nachgedacht hätten, einen eigenen Spirituosenschrank für die Frauen anzulegen, die beim Finanzamt von den Lügen ihrer Männer erfahren und dann erst mal einen Schnaps bräuchten.

Glauben Sie persönlich an die wahre Liebe?

Natürlich gibt es die wahre Liebe, aber ich versuche mich gegen die Vorstellung einer deterministischen Vorherbestimmung zu wehren. Ich finde diese Vorstellung irgendwie demütigend und klein, während ich die Idee, dass man der eigenen Liebe mit einer mythologischen Erzählung um seltsame Zufälle, schicksalhafte Begegnungen und numerologische Auffälligkeiten Bedeutung verleiht, im besten Sinne romantisch finde.

Wie war die Zusammenarbeit mit Sandra Hüller in dieser intensiven Rolle?

Für mich ist bei der Arbeit mit Schauspielern im Allgemeinen und bei Sandra im Besonderen der zentrale Prozess vor dem eigentlichen Dreh. Es geht darum, im Vorfeld ein vertrauensvolles und intimes Verhältnis zueinander zu entwickeln, damit man diesen ja oft sehr anstrengenden Weg gemeinsam gehen kann. Die eigentliche Arbeit mit Sandra war dann sehr einfach und im besten Sinne unkompliziert und sehr konstruktiv. Ich glaube nicht daran, dass die Leistung von Schauspielern durch schmerzhafte, konfliktgeladene Prozesse besser wird, ebenso wenig glaube ich an psychologische Manipulationen und ähnliches.

Am Anfang versteckt Martha ihre Gefühle, bis es zum emotionalen Ausbruch kommt. Welche Anweisungen haben Sie Sandra dazu gegeben?

Bei einer solchen Szene kann man als Regisseur fast nicht helfen, glaube ich. Tatsächlich klingt für mich alles, was man vor so einer Szene sagen könnte, wie eine Lüge, wie hilfloses Gestammel, und weder Sandra noch ich halten all zuviel von Psychologisierungen – die Szene ist ja klar geschrieben und man weiß, worum es geht. Ich glaube, Sandra weiß in dem Moment ohnehin selber viel besser, wie sich ihre Figur verhält und wie sie dies herstellt.

Felix Knopp und Georg Friedrich sehen sich nicht ähnlich. Haben Sie beim Casting über die Ähnlichkeiten nachgedacht?

Tatsächlich existieren frühe Drehbuchfassungen, in denen die optische Ähnlichkeit zwischen den beiden Figuren stärker war und das Motiv des Wiedergängers stärker durch Äußerlichkeiten geprägt war – am Anfang des Projekts dachte ich sogar, dass die beiden Figuren von ein und demselben Schauspieler gespielt werden sollten. Aber das eigentlich Interessante an dieser Konstellation ist ja nicht, dass man zufällig jemanden trifft, der einen an jemand Verschwundenen erinnert, sondern wie Martha diese Parallele herstellt.

Zentral für den Film ist das Thema Trauer. Haben Sie dazu einen persönlichen Bezug und eine spezielle Sichtweise auf den Umgang mit Verlust?

Das Gefühl der Trauer und des Schmerzes über den Verlust eines nahen Menschen hat mich vor allem deswegen so interessiert, weil es wie wenig andere Gefühle als etwas rein „Natürliches“ angesehen wird, als etwas, das direkt „von innen“ kommt und keinerlei gesellschaftlicher Verabredung unterworfen zu sein scheint. Man weiß zwar natürlich, dass die Kultur des Trauerns und auch des Todes in unterschiedlichen Gesellschaften höchst unterschiedliche Formen annimmt, aber man vergisst es eben sehr leicht.

Schon als Kind fand ich die überwältigende Kraft der Trauer und des Schmerzes oft seltsam. Dass man sich ganz in dieses Gefühl hineinbegibt, dass einem die Tränen nur so runterlaufen und man dann in den Spiegel gucken kann und sich selbst dabei beobachten, wie man weint und mit dieser Selbstbeobachtung die Trauer immer abstrakter wird. Wie kann ein Gefühl so umfassend und fundamental sein und gleichzeitig anscheinend auch ein erlernter Umgang mit dem Außen?

Als ich beim Schreiben des Drehbuchs nach und nach gemerkt habe, dass Martha eine Frau ist, die die gesellschaftlich anerkannte und verordnete Form der Trauer für sich ablehnt, war ich überrascht, wie obszön und frech ich das im ersten Moment fand. Ich habe es ihr zunächst geradezu übel genommen, dass sie nicht in „angemessener“ Form trauert, sondern sich stattdessen entscheidet, ihre Liebe nicht zusammen mit ihrem Partner sterben zu lassen. Gleichzeitig hat mich diese Kompromisslosigkeit der Figur aber mehr und mehr fasziniert: Martha ist für mich eine „fundamental Liebende“, die ihre Liebe sogar gegen anderslautende Einwürfe, die ihr die sogenannte Realität vorzugeben scheint, verteidigt.

Sie haben komplett in NRW gedreht, wo Sie auch Regie studiert haben. Drückt sich darin ein besonderes Verhältnis zu Nordrhein-Westfalen aus?

Nordrhein-Westfalen hat für mein Leben schon vor meiner Geburt eine recht wichtige Bedeutung gehabt: Meine Eltern haben sich am schwarzen Brett der Kölner Uni kennen gelernt. Sie sind dann nach Aachen gezogen, wo ich geboren und die ersten Jahre meines Lebens verbracht habe. Gerade meine Mutter ist durch und durch Rheinländerin, was sich auch durch eine große Leidenschaft für den Karneval ausdrückt. Als ich dann zum Studium an der Kunsthochschule für Medien „zurück“ ins Rheinland gekommen bin, fühlte sich das tatsächlich ein bisschen an, als würde man nach Hause kommen. Die Mentalität der Rheinländer ist mir schon ziemlich nah, muss ich sagen. Und der Dreh hier in Köln hat unglaublich viel Spaß gemacht. 

Ab 15. September im Kino
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